Wie das Ostviertel entstand

Aachen Karte 1807 (Stadtarchiv)
Aachen Karte 1807 (Stadtarchiv)

 

 

Eine kleine Vorbemerkung:

 

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts sieht es in Aachen folgendermaßen aus:

 

Aachen ist vollkommen Rückständig. Kaum funktionierende Strassen. Schmutz, Unrat. Beleuchtung - Fehlanzeige usw.

 

Die bewohnte bzw. die bebaute Stadt Aachen endet im Osten am Adalbertstor. 

 

Um 1800 beheimatet Aachen ungefähr 24.000 Einwohner.

 

 

Eingang Ostfriedhof  © Dieter Jansen
Eingang Ostfriedhof

 

 

Mit dem Einzug der Franzosen gibt es erhebliche Verbesserungen:

 

Das aus sehr vielen Klein- und Kleinststaaten bestehende Rheinland wurde nach dessen Einverleibung zu Frankreich zu einem einheitlichen großen Wirtschaftsraum.

 

Die Hygiene wird verbessert. So wird z.B. 1803 der Kirchhof direkt neben dem Dom (Münsterplatz), weit, weit vor die Stadt verlegt: Dem heutigen Ostfriedhof. 

 

Das Ausleeren der Eimer in den Strassen wird verboten und Gräben gezogen. Bäche werden kanalisiert und somit Seuchen eingedämmt. Ein funktionierendes Straßennetz wird errichtet und ein Handelsgesetzbuch eingeführt. usw.

 

Eine bis dahin nie dagewesene wirtschaftliche Entwicklung setzt ein. Aachen wird Hauptstadt des Roer-Departement.

 

 

 

 

In Aachen leben 1816 rund 32.000 Menschen.

 

Eine Ausweitung der Stadt Aachen in Richtung Osten wird notwendig. 

 

 

Adalbertsteinweg: Nichts als Gärten, Felder und Wiesen (Landkarten & Stadtplan)
Adalbertsteinweg: Nichts als Gärten, Felder und Wiesen (Landkarten & Stadtplan)

 

 

Zwischen Adalbertstor und dem heutigen Stadtteil Rothe Erde gibt es zu diesem Zeitpunkt bautechnisch sozusagen nichts. Nur der 1803 vor den Toren entstandene Friedhof besteht und einige Mühlen, wie die Aretz-, Dennewarts-, Pulvermühle, usw.

 

Ansonsten gibt es viel Wiesen, Felder und einige Gärten. Einmal im Jahr wird vor dem Adalbertstor Kirmes abgehalten.

 

 

Kaiserplatz/Adalbertstor im Mittelalter (Stadtarchiv)
Kaiserplatz/Adalbertstor im Mittelalter (Stadtarchiv)
St. Adalbert nach Abriß des gotischen Tores 1860 Stadtarchiv
St. Adalbert nach Abriß des gotischen Tores 1860 Stadtarchiv

 

 

Die Franzosen verlassen 1814 Aachen und es kommen die Preußen.

 

Anlässlich des fünften Jahrestages der Völkerschlacht bei Leipzig treffen sich die Herrscher von Preußen König Friedrich Wilhelm III. , Zar Alexander von Russland und Kaiser Franz I. von Österreich am 18. Oktober 1818 während des Aachener Kongresses. „Vor dem Adalbertstor“ findet ein Militärgottesdienst statt. Ein entsprechendes Kongreßdenkmal wird 1844 ungefähr am Parkhaus des heutigen Amtsgerichts errichtet eingeweiht.

 

1865 wird an gleicher Stelle das Amtsgericht mit Strafanstalt gebaut. Das Kongreßdenkmal wird demontiert und 1928 im Aachener Stadtpark wieder aufgestellt.

 

Ganz allmählich setzt eine industrielle Entwicklung ein. 

 

 

Aachen Denkmal im Stadtgarten
Denkmal im Stadtgarten
Aachen Justizgebäude mit Haftanstalt
Justizgebäude mit Haftanstalt

 

 

Durch Verbesserungen der Produktivität in der Landwirtschaft werden dort weniger Arbeitskräfte benötigt.

 

Folge: Ein immer größerer Zuzug von Menschen vom Umland in die Städte, wie auch in Aachen, beginnt.  

 

Gleichzeitig zeigt der neu entstehende Kapitalismus sein schlimmstes Gesicht. Arbeiter werden nach Lust und Laune Eingestellt und Entlassen. Löhne werden nach Gutsherrenart vergeben oder gekürzt. Die Kinderarbeit ist weit verbreitet. Üblich ist auch, einen Teil des Lohns in Alkohol zu zahlen. Dies führte dazu, dass die Zahl der Gaststätten explosionsmäßig steigt. Gleichzeitig verdirbt der Alkohol die Situation in vielen Arbeiterfamilien.

 

1830 kommt es zum ersten Arbeiteraufstand in Aachen. Er wird blutig niedergeschlagen. 

 

 

Lobrede auf Bürgerwehr und Gendarmerie anläßlich des Niederschlagung des Arbeiteraufstands 30.August 1830
Lobrede auf Bürgerwehr und Gendarmerie anläßlich des Niederschlagung des Arbeiteraufstands 30.August 1830

 

 

 

Lasset uns die Hände reichen

Aachens Schutz und heil´ge Wacht!

Auch ein Wall von Feindes Leichen,

Ist´ wenn´s Noth thut bald gemacht.


 

 

Der Industrielle James  Cockerill läßt 1830 eine Chaussee von Stolberg Münsterbusch über Eilendorf und Rothe Erde bis nach Aachen in die Stolberger Straße errichten. Diese ist für Nicht-Eilendorfer und -Stolberger Mautpflichtig.  Zollhäuser stehen in der Von-Coels-Strasse in Eilendorf und Rothe Erde. Die Maulpflicht endete 1893. Die Straße trägt in Stolberg noch heute seinen Namen.

 

 

James Cockerill
James Cockerill
Aachen Rothe Erde Altes Mauthaus Hüttenstraße 19
Altes Mauthaus Hüttenstraße 19

 

 

Aachen hat 1831 rund 39.000 Einwohner.

 

Talbot lässt sich zunächst vor den Adalbertstor 1838 mit einer Fabrikation nieder. Am unteren Adalbertsteinweg entstehen eine Feuerwehrkaserne und eine Schwimmanstalt.

 

 

Pauwels & Talbot 1839 vor dem Adalbetrstor (Talbot)
Pauwels & Talbot 1839 vor dem Adalbetrstor (Talbot)
Wagenmontage 1891, Foto : Fa. Talbot
Wagenmontage 1891, Foto : Fa. Talbot

 

 

1841 wird kurz hinter dem Reichsweg die eingleisige Eisenbahnstrecke Köln - Aachen eröffnet. In Düren gibt es die einzige Ausweichmöglichkeit von zwei Zügen. 1843 wird die Strecke nach Belgien verlängert.

 

Wenige Jahre später, 1845 wird das Hüttenwerk Rothe Erde (in Forst) gegründet und gebaut. Ab 1846 beginnt die Produktion von Eisenbahnschienen.

 

Auf der Elsassstraße entstehen die Häuser der Direktoren und leitenden Angestellten der Stahlwerke (ungefähr an der Kennedyschule).

 

 

Hüttenwerk Rothe Erde 1884 Foto Rheinische Industriekultur
Hüttenwerk Rothe Erde 1884 Foto Rheinische Industriekultur
ehem. Direktorenvillen
ehem. Direktorenvillen

 

 

Die seit 1843 bestehende Eisenbahnstrecke Köln - Aachen wird ab 1875 auch zur Beförderung von Personen genutzt. Es entsteht der Bahnhof Rothe Erde.

 

1840 hat Aachen rund 44.000 Einwohner.

 

 

Die Erste Bahn: Die Aachen Burtscheider Pferde-Kleinbahn
Die Erste Bahn: Die Aachen Burtscheider Pferde-Kleinbahn
Innenansicht ASEAG Depot Talstraße
Innenansicht ASEAG Depot Talstraße

 

 

Die Aachener-Burtscheider-Pferdekleinbahn wird gegründet. Ab 1880 betreibt sie in der Scheibenstraße ihr erstes Depot und Verwaltung. Später wird daraus die ASEAG (Aachener Straßenbahn- und Elektrizitäts AG) gegründet. Ihr Hauptgebäude steht lange auf dem Adalbertsteinweg. Später wird die Zentrale in die Neukölner Straße verlegt.

 

 


 

 

In den Nebenstraßen des Adalbertsteinwegs werden kleine Manufakturen, Fabriken und Werkstätten errichtet. 

 

In Aachen wohnen 1880  85.500 Menschen.

 

 

Eingang Gelbe Kaserne
Eingang Gelbe Kaserne

 

 

Die Besiedlung des Ostviertels beginnt ab etwa 1890 hauptsächlich von der Elsassstraße aus.

 

1882 entsteht eine gewaltige Kaserne, die Gelbe Kaserne. Den Namen erhält sie, weil sie mit  gelben Klinkersteinen verkleidet  wird. Die alten Kasernen in der Aachener Innenstadt müssen wegen Platzmangel weichen.

 

Gegenüber dem neuen Bahnhof Rothe Erde entsteht die Rote Kaserne. Hier wird ein roter Klinkerstein verbaut.  

  

 

Elsass-Platz mal ganz anders (um 1900)
Elsass-Platz mal ganz anders (um 1900)

 

 

Beide Kasernen gibt es nicht mehr. Nach zahlreichen Umbauten sind sowohl die Reste der roten als auch der gelben Klinkersteine an der Fassade des Bahnhofs Rothe Erde verbaut. 

 

Übrigens wird 1885 ein Karnevalsverein gegründet: KG Löstige Elsässer (Die lustigen Elsässer).

 

Die Eisenbahnverbindung Rothe Erde nach Aachen Nord wird 1875 eröffnet. Die Vennbahn 1885.

 

 

Alte Stadtgrenzen bis ca. 1900
Alte Stadtgrenzen bis ca. 1900

 

 

Die Stadtgrenze Aachens endet übrigens direkt hinter der Gelben Kaserne, dort ist Forst. Über dem Bahnkörper gibt es im "beschaulichen" Forst schon mehr Leben.  

 

 

Aus Aachen Karte Brockhaus 1892
Aus Aachen Karte Brockhaus 1892
Früher: Von der Gelben Kaserne zur Pariser Straße
Früher: Von der Gelben Kaserne zur Pariser Straße

 

 

Ein Teil des Gebietes Ostviertel wird mit Strassennamen beglückt, die an preußische Schlachten erinnern: Elsaß-, Weissenburger-, Alsen-, Sedan- und Düppelstraße. Die Pariser Straße, die vom Elsassplatz bis zur Josefskirche verläuft, gibt es seit langer Zeit nicht mehr.

 

 

Schule Düppelstraße 1900 Foto Schule
Schule Düppelstraße 1900 Foto Schule
Aachen Ostviertel Düppelstraße
Düppelstraße heute

 

 

1894 wird die Josefskirche eingeweiht. Zugleich wird die Schule Düppelstrasse gegründet.

 

In der Stadt Aachen wohnen 1888 nun 100.000 Menschen.

 

 

Aachen Ostviertel Josefskirche
Josefskirche - heute Grabeskirche

 

 

Die Einwohner im Ostviertel haben in dieser Zeit hauptsächlich mit der Kaserne zu tun. Es sind Handwerker, Werkstätten und Lieferanten.

 

Die Offiziere, in der Regel Adelige, benötigten selbstverständlich einen gewissen Luxus. Dazu gehörte die gewaltig große Wohnungen und allerlei Pagen, Diener und Helfer(-innen).  Zerstreuung finden sie in den zahlreichen umliegenden Gastwirtschaften.

 

Die Unteroffiziere wechseln häufig ihren Stationierungsort. 

Auch sie benötigen allerlei Helfer(-innen) und Putzfrauen. Sie wohnen z.B. im Bienenhaus in der Alsenstraße.

 

Dem neuen Stadtteil geht es nicht schlecht. Es werden ständig große aufwendige Bürgerhäuser gebaut, die auch z.T. heute noch erhalten sind.

 

 

Aachen Bienenhaus Unteroffiziersheim Alsenstraße: Hier wechsel nicht nur die die Mieter wie die Bienen
Bienenhaus Unteroffiziersheim Alsenstraße: Hier wechseln nicht nur die die Mieter wie die Bienen

 

 

Ganz anders sieht die Wohnsituation der vielen Arbeiter der neu entstehenden Industrie aus. Sie leben zunächst in "neuen" Häuser, um sie trocken zu wohnen. Ergebnis: Zahlreiche Lungenkrankheiten. Außerdem wohnen die kinderreichen Arbeiterfamilien nicht in Großwohnungen sondern in Ein- oder Zweiraumwohnungen. Häufig nehmen sie noch zusätzlich alleinstehende Arbeiter (Kostgänger) auf, um so besser "über die Runden" zu kommen.

 

 

 

Aachen Wohnen am Werk: Rottstraße
Wohnen am Werk: Rottstraße

 

 

 

Viele Häuser werden gebaut. Das Material kommt aus Eilendorf und dem Ostviertel. Diejenigen die dort arbeiteten sind "zugezogene" und haben nicht nur den Spitznamen Sejelbäcker (Ziegelbäcker) sondern auch keinen guten Ruf.

 

 

Aachen Wohnen im Grünen: Bismarkstraße (Frankenberger Viertel)
Wohnen im Grünen: Bismarkstraße (Frankenberger Viertel)

 

 

Das Stahlbauunternehmen Strang wird 1890 gegründet (Philipsstraße). 

 

Talbot beginnt 1893 mit der Produktion von Eisenbahnwagons auf der Jülicher Straße.

 

Nach der Vereinigung der Städte Aachen und Burtscheid entsteht ab 1897 direkt neben dem Ostviertel der neue Stadtteil Frankenberg. Er wird sofort für ein gut situiertes Bürgertum angelegt und vermarktet. Die Frankenberger Bürgerhäuser können nach Berliner Vorbildern, per Prospekt, ausgesucht und bestellt werden.

 

1902 beträgt die Einwohnerzahl Aachens bereits 140.000.

 

1907 wird die Gemeinde Forst der Stadt Aachen eingemeindet.

 

Die großen Industriebetriebe (Stahlwerke) gehören nun, wenn auch nur für kurze Zeit, zur Stadt Aachen.

 

 

 

 

 

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